Internationale Tagung in interkultureller Philologie: 6. und 7.10. 2017.

Die Leistung der Philologie bei der Deutung der Kultur(en)

Abstracts

Claus Altmayer (Herder-Institut, Universität Leipzig)

Was leistet der Begriff ‚Deutungsmuster‘ im Rahmen einer kulturwissenschaftlichen Diskursanalyse im DaF-/DaZ-Kontext?

Seit einigen Jahren haben sich die ‚Kulturstudien‘ im Kontext des Faches Deutsch als Fremd- und Zweitsprache als eigene kulturwissenschaftliche Forschungspraxis etabliert, die die praxisbezogenen Frage- und Problemstellungen des Lehrens und Lernens der Fremd- und Zweitsprache Deutsch mit Hilfe einschlägiger wissenschaftlicher Methoden zu beantworten versuchen und sich dabei intensiv um Anschlussfähigkeit an interdisziplinäre und internationale kultur- und sozialwissenschaftliche Fachdiskurse bemüht. Dabei greifen die Kulturstudien hier zum einen auf den aus der objektiven Hermeneutik und der Wissenssoziologie stammenden Begriff des ‚Deutungsmusters‘ zurück, um mit Hilfe dieses Begriffs ‚Kultur‘ inhaltlich fassen zu können; zum anderen aber spielen auch die aktuellen sozial- wie sprachwissenschaftlichen Diskussionen über Theorien und Verfahrensweisen der Diskursanalyse eine wichtige Rolle. Allerdings fehlt es bislang sowohl an konkreten Umsetzungen als auch an methodologischen Reflexionen zu einer spezifisch DaF-/DaZ-bezogenen kulturwissenschaftlichen Diskurs- und Deutungsmusteranalyse.

Hier möchte der Vortrag ansetzen und anhand einschlägiger Beispiele zeigen, worin die Spezifik einer kulturwissenschaftlichen Diskurs- und Deutungsmusteranalyse besteht, was diese leisten kann und wo ihre Grenzen liegen.

 

Emina Avdić (Universität Skopje)

Kulturthemen in DaF-Lehrwerken für die Region Südosteuropa

Lehrwerke spielen im DaF-Unterricht eine zentrale Rolle. Sie bestimmen in erster Linie die Lernziele, die Lerninhalte, die Unterrichtsmethoden und die Lernstoffprogression. Ammer (1988) sieht in ihnen auch eine der wichtigsten Quellen, aus denen sich das Ausland ein Bild von Deutschland bildet.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die in DaF-Lehrwerken enthaltenen Kulturthemen und das mit ihnen vermittelte Bild des Zielsprachenlandes kritisch zu beleuchten. Das Korpus besteht aus sechs Lehrwerken für Deutsch als Fremdsprache, die an Primarschulen (5/6. – 8/9. Klasse) in drei südosteuropäischen Ländern eingesetzt werden. Während in Mazedonien und Serbien hauptsächlich mit deutschen Kursbüchern und Zusatzmaterialen (Planet, Logisch und Prima) gearbeitet wird, können Lehrende in Bosnien und Herzegowina zwischen Lehrwerken einheimischer Autoren (Prima) und Lehrwerken deutscher Verlage (Pingpong, Beste Freunde) wählen. Das übergeordnete Ziel dieser Lehrwerke ist es, die Jugendlichen zu befähigen, „sich in einfachen und routinemäßigen Situationen zu verständigen, in denen es um einen einfachen und direkten Austausch von Informationen über vertraute und einfache Dinge geht“ (Niveau A1/A2 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens) bzw. sie zu einem angemessenen kommunikativen Handeln in alltäglichen Situationen im Zielsprachenland vorzubereiten.

Gegenstand der Analyse ist es, das Folgende festzustellen: a) Welche Bereiche der deutschen Kultur (z.B. Geographie, Geschichte, Alltag, Feste und Bräuche, Denkweisen u.a.) werden in den Lehrwerkstexten vermittelt? b) Sind die Texte und Themen geeignet, das Verständnis der Jugendlichen für die deutsche Kultur zu fördern? c) Gibt es Themen, die zu einem Vergleich zwischen der eigenen und der fremden Kultur und zur Reflexion über die eigenkulturelle Prägung anregen? d) Wird ein idealtypisches, ein ausgewogenes oder ein kritisches Bild über das Zielsprachenland präsentiert?

Die aus der Analyse gewonnenen Erkenntnisse dienen als Grundlage, um die Frage zu beantworten, ob der Einsatz universalistischer, in Deutschland erstellter Lehrwerke in Mazedonien, Bosnien und Herzegowina und Serbien sinnvoll ist, oder ob vielleicht über die Erstellung regionaler, zielgruppenspezifischer Lehrwerke nachgedacht werden sollte.

 

Rupprecht S. Baur (Universität Duisburg-Essen)

Deutsche und bosnische Stereotype im Vergleich

Es ist bekannt, dass es in der interkulturellen Kommunikation zu Störungen und Irritationen kommt, wenn Gesprächspartner unvorbereitet mit negativen Stereotypen konfrontiert werden. Deshalb ist es wichtig, in der Kulturvermittlung und im Fremdsprachenunterricht über Stereotype aufzuklären; auf der Grundlage solcher Kenntnisse können Menschen verschiedener Länder und Kulturen auf interkulturelle Kontakte vorbereitet werden. Dabei geht es nicht nur um die Heterostereotype, sondern auch um Kenntnisse der Autostereo-type, d.h. um das, was die Völker über sich selber denken. Denn je größer die Unterschiede in den Selbst- und Fremdbildern sind, desto stärker divergieren Teile der gesellschaftlichen Wertesysteme, was sich in der interkulturellen Kommunikation in mangelnder Empathie-fähigkeit niederschlägt.

In neuerer Zeit wurden Erhebungen zu Stereotypen über ‚die Deutschen’ von Apeltauer (2002) in Norwegen, von Grünewald (2005) in Japan und von Baur/0ssenberg in Russland (seit 2010) und in der Türkei (seit 2014) durchgeführt. Baur und Ossenberg entwickelten unter Berücksichtigung der bereits in früheren Untersuchungen verwendeten Merkmallisten eine Liste mit 140 Merkmalen. Während bei den interethnischen Untersuchungen von Stereotypen in der Regel nur Heterostereotype erhoben werden, berücksichtigen Baur/Ossenberg auch die Autostereotype. Ihre Befragungen werden online durchgeführt, so dass große, statistisch auswertbare, Gruppengrößen erreicht werden. Entsprechende Befragungen zu den nationalen und/oder ethnischen Stereotypen in Deutschland und Russland sowie in Deutschland und in der Türkei wurden bereits durchgeführt (vgl. https://side.uni-due.de/).

Eine neue Untersuchung zu der Frage, welche Vorstellungen Deutsche von Bosniern, Kroaten und Serben und umgekehrt, diese von den Deutschen haben, ist im Jahr 2017 an der Universität Duisburg-Essen begonnen worden. Bisher konnten in Deutschland pro ethnische/nationale Gruppe ca. 800 Personen befragt werden. In dem Vortrag werden auch erste Erhebungen zu den bosnischen Autostereotypen und den Heterostereotypen der Bosnier über ‚die Deutschen’ vorgestellt. Erhebungen in Kroatien und Serbien sollen folgen.

In dem Vortrag soll geklärt werden, ob die Deutschen die drei ethnischen Gruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien unterscheiden können und welche Eigenschaften sie ihnen zuordnen. Da die Probanden zu den von ihnen gewählten Eigenschaften auch Beispiele angeführt haben, soll zu den am häufigsten genannten Eigenschaften auch die konnotativen Bedeutungen und Assoziationen vorgestellt und diskutiert werden.

 

Sabine Coelsch-Foisner (Universität Salzburg)

Theatrale Produktionsforschung, Sprache und wissenschaftliche Erkenntnis

Im Rahmen meines Forschungsprojekts PLUS Kultur/CORE® an der Universität Salzburg widme ich mich der künstlerisch-wissenschaftlichen Erschließung theatraler Produktionen. Die Breite der künstlerischen Ausdrucksformen umfasst sämtliche performativ-darstellende Aufführungsformate von Sprechtheater über Musiktheater bis zu Contemporary Dance und Inter-Arts. Einen zentralen Aspekt für diese Produktionsforschung bilden Theatersemiotik, Oral History und Genetic Criticism. Die beiden letztgenannten Ansätze wurden bislang kaum auf das Theater angewandt, bzw nur im Zusammenhang mit der Entstehung und Entwicklung der sprachlichen Anteile einer theatralen Produktion, also des Theater-Texts oder des Librettos. Nicht in die Analyse von Aufführungen einbezogen wurden bislang die Einsichten, kreativen Prozesse und Entscheidungen der an einer Aufführung beteiligten Künstler (Regisseure, Bühnen- und Kostümbildner, Schauspieler, Tänzer, Sänger , Dirigenten, Komponisten, ...etc). Wie diese künstlerische Arbeit sowohl durch auditive und visuelle Materialien sowie durch Sprache erschlossen werden kann und welchen Erkenntniswert sie für die Deutung von Aufführungen liefern, bedeutet für die Forschung einen markanten Schritt von herkömmlichen Aufführungsanalysen zur weitaus differenzierteren und komplexeren Produktionsanalyse. Darüber – über die Parameter einer Produktionsanalyse und das Zusammenführen von materieller Kultur und philologischer Arbeit – werde ich referieren und zur Veranschaulichung des kulturvermittlerischen bzw edukativen Werts dieser Forschung Beispiele aktueller Produktionen bringen.

 

Boris Dudaš (Universität Rijeka)

Von der deutschen Leitkultur zur individuellen Identität, von der unifizierenden Fremdbestimmung zur vielfältigen Selbstbestimmung

Um die Jahrtausendwende wurde in der BRD die Debatte über die „deutsche Leitkultur“ geführt. Es gibt aber unzählige wissenschaftliche Definitionen von „Kultur“, von denen wohl keine allgemein anerkannt ist. Wichtiger als eine wissenschaftliche Definition ist auch der für die gesellschaftliche Kommunikation relevante Alltagsbegriff, der mehrere Bedeutungsebenen hat.

Diese Bedeutungen werden unter dem Aspekt der „Kultur“-Träger betrachtet. Da moderne Gesellschaften keine homogene Nationen mehr sind, werden auch nationale Minderheiten in die Betrachtungen mit einbezogen. Die Gesellschaft ist auch unterteilt in große Teilsysteme (z.B. Wissenschaft, Verwaltung, Rechtssystem usw.), die auch von ihren „Mitgliedern“ bestimmte Denk- und Verhaltensweisen verlangen. Der Einzelne gehört auch kleineren Gruppen an, die jeweils eigene Kulturen haben. Gesellschaft und Kultur erlebten auch eine starke Binnendifferenzierung: Es gibt technische, wirtschaftliche, industrielle usw. Kultur, die die Denk- und Verhaltensweise des Einzelnen steuern. Alle diese Einflüsse erfolgen durch die wertende Dimension der Kultur. Heutzutage ist die Pluralität der Werte allgemein anerkannt, aber die einander widersprechenden Werte negieren sich gegenseitig.

Im Kontext der Wertepluralität muss der moderne Mensch als eine „Mischung der Kulturen“ irgendwie zurecht kommen und seine Identität FINDEN oder bewusst BILDEN. Die vielen unterschiedlichen Einflüsse und Werte erschweren ihm dabei die Orientierung.

Der Einzelne kann seine Identität auch über die Auseinandersetzung mit der/den Kultur/en mittels Reflexion und Polyperspektivität bilden. In diesem Sinne bedeutet die Bildung Befähigung zur Bildung der Identität. In diesem Kontext bekommt „lebenslanges Lernen“ eine neue Bedeutung: Es ermöglicht dem Einzelnen, sich zu ändern und trotzdem mit sich selbst identisch zu bleiben.

 

Csaba Földes (Erfurt)

Interkulturelle Linguistik: Ein Blick auf das figurative Lexikon – an pressesprachlichem Material

Der Vortrag verfolgt zwei Ziele: Zum einen sollen grundlegende konzeptionelle Umrisse, Inhaltsschwerpunkte und Arbeitsmethoden einer Wissenschaftsorientierung 'interkulturelle Linguistik' diskutiert werden, zum anderen wird vor diesem Hintergrund eine empirische Fallstudie präsentiert. Dabei handelt es sich um figurative Sprache am Material der deutschsprachigen Presse im Ausland, also um die Produktion von Pressetexten im Schnittfeld von zwei oder mehr Sprachen und Kulturen. Die Materialgrundlage dazu liefert vor allem (aber nicht nur) die Mediensprache der deutschen Minderheit in Ungarn. In diesem Denk- bzw. Argumentationsrahmen soll – am Beispiel des Einsatzes von mehr oder weniger festen Wortverbindungen – zur Erfassung des sprachlich-kulturellen Realitätsbereichs der „auslandsdeutschen“ Pressesprache hinsichtlich seiner wichtigsten typologischen Strukturen und konstitutiver Merkmale sowie zur Beschreibung seiner aktuellen Verfasstheit beigetragen werden. Anliegen ist somit eine empirisch begründete Erschließung von Besonderheiten der Phraseologieverwendung in einem Segment der deutschsprachigen Minderheitenpresse. In diesem Zusammenhang sollen auch journalistische Handlungsmöglichkeiten und -formen unter den speziellen und überaus dynamischen Bedingungen von Mehrsprachigkeit und Inter- bzw. Transkulturalität hinterfragt werden.

Literatur:

Földes, Csaba (2003): Interkulturelle Linguistik: Vorüberlegungen zu Konzepten, Problemen und Desiderata. Veszprém: Universitätsverlag/Wien: Edition Praesens 2003 (Studia Germanica Universitatis Vesprimiensis, Suppl.; 1).

Földes, Csaba (2015): Literalität im Schnittfeld von zwei Sprachen und Kulturen: Beobachtungen anhand der Phraseologie in der Sprache der Lokalpresse. In: Schmidlin, Regula/Behrens, Heike/Bickel, Hans (Hrsg.): Sprachgebrauch und Sprachbewusstsein. Implikationen für die Sprachtheorie. Berlin/Boston: de Gruyter, S. 239–260.

Jäger, Ludwig/Holly, Werner/Krapp, Peter/Weber, Samuel/Heekeren, Simone (Hrsg.)(2016): Sprache – Kultur – Kommunikation. Ein internationales Handbuch zu Linguistik als Kulturwissenschaft. Berlin/Boston: de Gruyter.

 

Waldemar Czachur (Universität Warschau)

Kultursensitive Linguistik am Beispiel vom kollektiven Gedächtnis im deutsch-polnischen Dialog

Im Referat wird versucht, sich dem Begriff der erinnerungsrhetorischen Musterbildungen aus Perspektive der kultursensitiven Linguistik anzunähern und ihre sprachlichen Manifestationen sowie ihren Wandel am Beispiel des deutsch-polnischen Erinnerungsdialogs zu zeigen. Der deutsch-polnische Dialog nach den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges fand in zwei Phasen statt. Die erste Phase umfasst die Zeit des Dialogs zwischen der Volksrepublik Polen, der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland, und die zweite Phase bezieht sich auf den Dialog zwischen dem freien Polen und dem vereinten Deutschland nach 1989. Somit werden im Referat die Reden deutscher Spitzenpolitiker hinsichtlich der Realisierungsformen der erinnerungsrhetorischen Musterbildungen im Zeitraum zwischen 1989 und 2016 analysiert. Es handelt sich dabei um die Vorstellung der Ergebnisse zu Musterbildungen im Erinnerungsdiskurs aus einer diachronen Perspektive, um dabei die aktivierten Wissensaspekte über den Zweiten Weltkrieg, ihre erinnerungsrhetorischen Muster und deren erinnerungskulturelle Funktion zu erschließen.

 

Marion Gymnich (Universität Bonn)

Die Darstellung des Ersten Weltkriegs in deutsch- und englischsprachiger Kinder- und Jugendliteratur – Ein Beispiel für die (didaktischen) Möglichkeiten einer interkulturellen Philologie

100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg lässt sich feststellen, dass dieses historische Geschehen in den europäischen Erinnerungskulturen in sehr unterschiedlicher Weise präsent ist. In Großbritannien wird dem Ersten Weltkrieg immer noch in vielfältiger Weise gedacht; dies zeigen vor allem Ausstellungen der letzten Jahre und so publikumswirksame Installationen wie die Sea of Poppies am Tower in London im Jahr 2014. Der Armistice Day, der an das Ende des Ersten Weltkriegs erinnert, ist in zahlreichen anglophonen Ländern nach wie vor ein wichtiger Gedenktag. Dass sich auch zahlreiche anglophone historische Romane aus den letzten Jahrzehnten mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigen, mag vor diesem Hintergrund nicht überraschen. Erstaunlicher ist vielleicht, dass sich auch etliche Beispiele für Kinder- und Jugendliteratur aus den letzten Jahren finden, in denen der Erste Weltkrieg behandelt wird. Zu diesen Texten zählen Valerie Wildings My Story: A First World War Girl’s Diary 1916-1917 (2008), John Boynes Stay where you are and then Leave (2013), Kate Saunders’ Five Children on the Western Front (2014) und Emma Carrolls In Darkling Wood (2015). Im deutschsprachigen Kontext erscheint der Erste Weltkrieg zwar erinnerungskulturell weniger präsent, aber auch hier lassen sich Beispiele für Kinder- und Jugendliteratur aus den letzten Jahren finden, die sich mit den Geschehnissen vor hundert Jahren auseinandersetzt, z.B. Maja Nielsens Feldpost für Pauline (2013) und Herbert Günthers Zeit der großen Worte (2014). Ein Vergleich der o.g. Werke bietet einen exzellenten Ansatzpunkt, um Verfahren einer interkulturellen Philologie zum Einsatz zu bringen. Das Spektrum der Aspekte, die dabei relevant werden, reicht von einem Vergleich hinsichtlich der Wortwahl, in der sich komplexe Konzepte verdichten oder stereotype Wahrnehmungen perpetuiert werden können, bis zur Frage nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten bei der Auswahl von Figurenkonstellationen und Handlungsmustern, die relevant für die Frage sind, welche Geschichte des Ersten Weltkriegs aus den vielen möglichen jeweils erzählt wird. Gerade angesichts der doch sehr unterschiedlichen erinnerungskulturellen Verortung des Ersten Weltkriegs im deutschsprachigen und anglophonen Kulturkreis stellt sich zudem die Frage, inwieweit in den o.g. Erzählungen im Text selbst oder aber im Paratext Ansätze zu einer Didaktisierung der Darstellung des historischen Geschehens zu finden sind, welche Facetten dabei im Vordergrund stehen (z.B. alltagsgeschichtliche Aspekte vs. Ereignisgeschichte) und welches Funktionspotential sich andeutet. Eine vergleichende Analyse deutschsprachiger und anglophoner Kinder- und Jugendliteratur über den Ersten Weltkrieg bietet sich als Gegenstand einer interkulturellen Philologie an. Dabei eröffnen sich zugleich interessante literatur- und kulturdidaktische Perspektiven.

 

Wolf Peter Klein (Universität Würzburg)

"Kultur" als wissenschaftlicher Terminus? Skeptische, womöglich polemische Bemerkungen aus der Sicht der Fachsprachenforschung

Sprachwissenschaft (Linguistik) wird seit einiger Zeit oft unter der Überschrift der sog. Kulturwissenschaft betrieben. Für diese Bewegung gibt es gute Gründe, die teils innerhalb, teils außerhalb der Sprachwissenschaft liegen. Ihre Stoßrichtung liegt auch darin, dass man sich so von anderen theoretischen Horizonten distanziert und in einer Art Paradigmenreflexion die Nähe zu bestimmten Leitwissenschaften, besser vielleicht: Leitkonzepten sucht. Sprachwissenschaft erscheint beispielsweise nicht mehr als „Geisteswissenschaft“, „Sozialwissenschaft“ oder „Naturwissenschaft“, wenn man sie als „Kulturwissenschaft“ begreift. Dabei betont man häufig ihre interdisziplinären Vernetzungen. So nachvollziehbar und gerechtfertigt solche programmatischen Zielsetzungen im einzelnen sein mögen, so heikel und ungeklärt sind die terminologischen, methodologischen und grundlagentheoretischen Probleme, die man sich mit einer solchen Zielbestimmung einhandelt. Vieles hängt davon ab, wie der Begriff der „Kultur“ als grundlegender Terminus der Kulturwissenschaft konzipiert wird.

Der Vortrag wird diese Schwierigkeiten anhand eines Details der kulturwissenschaftlichen Fachsprache beleuchten. Es soll der Frage nachgegangen werden, ob und, wenn ja, inwiefern der Leitbegriff der „Kultur“ im Rahmen einer kulturwissenschaftlich ausgerichteten Sprachwissenschaft programmatisch im Plural benutzt wird bzw. werden kann. Sind Kulturen differenzierbar? Wie ließen sich unterschiedliche Kulturen nachprüfbar und tragfähig unter-scheiden? Welche Klassifikationen von Kulturen sind denkbar, z.B. raumbezogen: die Kultur Europas gegenüber der Kultur Asiens? Die südeuropäische Kultur gegenüber der mitteleuropäischen? Die deutsche gegenüber der englischen Kultur? Die bosnische gegenüber der kroatischen Kultur? Die fränkische gegenüber der bayerischen Kultur? Die niederbayerische gegenüber der oberbayerischen Kultur? Die Würzburger Kultur gegenüber der Bamberger Kultur? Die Kreuzberger Kultur gegenüber der Kultur von Berlin-Zehlendorf? Hat am Ende jedes kleine Nest, womöglich jeder Straßenzug eine eigene Kultur?

 

Christian D. Kreuz (Universität Paderborn)

Mentalitätsanalyse als Mentefaktanalyse – eine philologische Zugriffsweise auf die semantischpragmatische Tiefe von Sprache (Christian D. Kreuz, Universität Paderborn)

In ihrer programmatischen Schrift zur Rolle und Funktion einer computergestützten Analyse von Sprachkorpora schreiben Scharloth et al.: „Während Diskurslinguistinnen und ‐linguisten noch immer mehrere Jahre lang Texte hermeneutisch interpretieren oder dekonstruieren und manuell kodieren, arbeiten in den Forschungsabteilungen von Suchmaschinenriesen, der Webmonitoringdienste und der Webtrendanalysten, aber auch in staatlich geförderten Projekten im Bereich der sogenannten Sicherheitsinformatik Computerlinguisten und Informatiker an Methoden des Data Mining, die in der Lage sind, Veränderungen in der semantischen Matrix in Echtzeit abzubilden. Die linguistische Diskursanalyse steht an einem Scheideweg. Wenn sie sich nicht bemüht, Anschluss an die sprachtechnologischen Entwicklungen zu finden, dann wird Spitzenforschung im Bereich Sprachanalyse als Gesellschaftsanalyse nicht mehr an Universitäten stattfinden, sondern in privatwirtschaftlichen Unternehmen.“ (Scharloth et al. 2013: 2f.) Sicherlich sind in den letzten Jahren interessante valide und reliable computerisierte Text- und Diskurseinzelanalysen veröffentlicht worden. Immer deutlicher kristallisiert sich aber nicht der von Scharloth et al. geforderte Paradigmenwechsel hin zu einer computergestützten Sprachanalyse heraus, sondern eine Hinwendung zu einer Linguistik als Kulturwissenschaft, wie sie schon lange in einigen Publikationen gefordert wird. Gerade im Bereich der Text- und Diskursanalyse zeigt sich, dass eine ausschließlich computergestützte Analyse nicht bzw. nicht immer zu dem durchdringt, was das Ziel dieser Analyse ist: Wissen, Mentalitäten usw. Die Suche nach Mentefakten, die uns Schlüssel zur epistemischen Tiefenebene sind, ist häufig nur durch eine hermeneutische Vorgehensweise und den damit einhergehenden holistischen kulturanalytischen Blick möglich. In dieser kulturanalytischen Perspektive zeigen nicht deduktive (und statistische) Analyseschemata, welche Analysen auf welchen Ebenen sinnvoll und angebracht sind, sondern die sprachlichen Artefakte selbst werden zu sprechenden Subjekten im Auge der Philologin/des Philologen. Eine solche offene Perspektive soll beispielhaft im Rahmen einer Text-/Stil- und Diskursanalyse sprachlicher Artefakte des Zweiten Weltkriegs eingenommen werden. Das Material wird zeigen, dass das, was gerade nicht auf der sprachlichen Oberfläche liegt – das Implizite, das Indirekte, das Nicht-Gesagte usw. – das ist, was in den Aufgabenbereich einer Sprachwissenschaft als Kulturwissenschaft fällt.

Literatur:

Scharloth/Eugster et al. 2013: J. Scharloth/D. Eugster et al., Das Wuchern der Rhizome. Linguistische Diskursanalyse und Data-driven Turn, in: Busse/Teubert (Hrsg.), Linguistische Diskursanalyse: neue Perspektiven, Wiesbaden: VS-Verlag, 345-380.

 

Holger Kuße (Universität Dresden)

Kulturwissenschaftliche Linguistik: Von Humboldt zum Diskurs

Die Verknüpfung von Sprachwissenschaft und Kulturanalyse führt zurück zu Wilhelm von Humboldts Konzept der sprachlichen Weltansicht. In ihm wird ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Denken und Sprechen (in einer bestimmten Ethno- oder Nationalsprache) vorausgesetzt und damit die Beeinflussung von Kulturen durch Sprachen impliziert. Diesem Postulat der Einheit von den Sprachen und den Kulturen setzt die diskurssensitive Linguistik, die historisch schon in Ernst Cassirers Begriff der symbolischen Form angelegt ist, auf die Varitätenvielfalt innerhalb von ethno- oder nationalsprachlich abgegrenzten Kulturen. Damit entgeht die kulturwissenschaftliche Linguistik der Gefahr der Hypostasierung von Sprachen und Kulturen und wird methodisch zu einer integrativen Sprachwissenschaft, in die sowohl system- als auch pragma- und soziolinguistische Methoden eingehen können. Die diskurssensitive kulturwissenschaftliche Linguistik gliedert Kulturen nach thematischen und vor allem institutionellen Diskursen (der Politik, der Religion, des Rechts, der Wirtschaft, der Wissenschaft usw.) und untersucht den Sprachgebrauch bis auf die Ebene einzelner Äußerungen und ihrer sprachlichen Mikrostrukturen im Rahmen dieser diskursiven Makroebenen.

 

Martin Luginbühl (Universität Basel)

Kulturanalytische Linguistik am Beispiel von Fernsehnachrichten

Der Vortrag verfolgt drei Ziele: Auf einer konzeptuellen Ebene soll der Kulturbegriff in einem kulturlinguistischen Kontext reflektiert werden; auf eine methodischen Ebene soll ein Vorgehen umrissen werden, das analytische Makro- und Mikroebene verbindet; auf inhaltlicher Ebene soll der Kulturalität von Schweizer Fernsehnachrichten von den 1950er Jahren bis heute nachgegangen werden.

In einem ersten Teil wird vor dem Hintergrund eines älteren, essentialistischen Kulturbegriffs ein Kulturbegriff umrissen, der in den aktuellen kulturalistisch orientierten linguistischen Studien vertreten wird und durch Konzepte wie Zeichenhaftigkeit, Medialität und Materialität, Musterhaftigkeit und kommunikative Praktik geprägt ist (Holly/Jäger 2016, Linke 2011, 2016, Tienken 2015, Feilke 2016).

In einem zweiten Teil wird das Konzept der ‚Textsortenprofile’ (Luginbühl 2014, 2015) als eine intermediäre Analyseebene vorgestellt, die es erlaubt, kulturanalytische Beobachtungen auf der sprachlichen (und visuellen) Mikroebene methodisch kontrolliert auf eine Makroebene (im vorliegenden Fall journalistischer) Kultur zu beziehen. Illustriert wird die Methode mit exemplarischen Ergebnissen einer diachronen Analyse der Schweizer „Tagesschau“, einer Fernsehnachrichtensendung, die seit über 60 Jahren ausgestrahlt wird.

Der Beitrag schließt mit einigen Überlegungen zu Anforderungen künftiger Forschung im Bereich der kulturkonstrastiven Medienlinguistik.

 

Literatur

Tienken, Susanne (2015): Muster - kulturanalytisch betrachtet. In: Dürscheid, Christa / Schneider, Jan Georg (Hrsg.): Handbuch Satz, Äußerung, Schema. Berlin: de Gruyter (Handbücher Sprachwissen), 464-484.

Holly, Werner / Jäger, Ludwig (2016): Aspekte einer kulturwissenschaftlichen Linguistik. In: Ludwig Jäger, Werner Holly, Peter Krapp, Samuel Weber, Simone Heekeren (Hrsg.): Sprache - Kultur - Kommunikation. Ein internationales Handbuch zu Linguistik als Kulturwissenschaft. Berlin, Boston: De Gruyter (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft), 944-956.

Linke, Angelika (2011): Signifikante Muster – Perspektiven einer kulturanalytischen Linguistik. In: Wåghäll Nivre, Elisabeth et al. (Hrsg.): Begegnungen. Das VIII. Nordisch-Baltische Germanistentreffen in Sigtuna vom 11. bis zum 13. 6. 2009. Stockholm: Acta Universitatis Stockholmiensis, 23-44.

Linke, Angelika (2016): Einführung: Kommunikation und Kulturalität. In: Ludwig Jäger, Werner Holly, Peter Krapp, Samuel Weber, Simone Heekeren (Hrsg.): Sprache - Kultur - Kommunikation. Ein internationales Handbuch zu Linguistik als Kulturwissenschaft. Berlin, Boston: De Gruyter (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft), 351-368.

Feilke, Helmuth (2016): Einführung: Sprache - Kultur - Wissenschaft. In: Ludwig Jäger, Werner Holly, Peter Krapp, Samuel Weber, Simone Heekeren (Hrsg.): Sprache - Kultur - Kommunikation. Ein internationales Handbuch zu Linguistik als Kulturwissenschaft. Berlin, Boston: De Gruyter (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 43), 9-36.

Luginbühl, Martin (2014): Medienkultur und Medienlinguistik. Komparative Textsortengeschichte(n) der amerikanischen "CBS Evening News" und der Schweizer "Tagesschau". Bern: Lang (Sprache in Kommunikation und Medien 4).

Luginbühl, M. (2015). Genre profiles as intermediate analytical level for cultural genre analysis. In N. F. Artemeva, Aviva (Ed.), Trends and Traditions in Genre Studies (pp. 251-274). Winnipeg: Inkshed.

 

Hans-Jürgen Lüsebrink (Universität des Saarlandes, Saarbrücken)

Interkulturelle Lebensgeschichten und konfliktuelle Multikulturalität- methodische Ansätze und literarisch-mediale Fallbeispiele

Dieser Beitrag verfolgt eine zweifache Zielsetzung. Zum einen sollen erste theoretische und methodische Ansätze der interkulturellen Biographieanalyse, zu denen insbesondere die Arbeiten von A. Maalouf (1998/2000), R. Franceschini (2001) sowie Egloff/Friebertshäuser/Weigand (2012) gehören, im Hinblick auf die Weiterentwicklung einer Theorie interkultureller Biographien kritisch aufgearbeitet werden. Die Weiterentwicklung der Theoriebildung in diesem Bereich (vgl. auch Lüsebrink 2016) und der hiermit verbundenen Analysebegriffe und -methoden soll zum anderen auf der Basis kurzer, exemplarischer Fallstudien erfolgen, in denen die Dimension konfliktueller Multikulturalität in individuellen - autobiographischen oder biographischen - Lebensgeschichten aus unterschiedlichen sozio-kulturellen und historischen Kontexten im Mittelpunkt steht. Als paradigmatische Fallbeispiele dienen hierbei die Analyse biographischen Erlebens konfliktueller Multikulturalität im Libanon der 1970er und im Jugoslawien der 1990er Jahre bei Amin Maalouf (1998/2000); sowie die Darstellung von interkulturellen Konflikten im Kontext des kanadischen Multikulturalismus der ausgehenden 1990er Jahre, die der italo-québecer Filmregisseur Paul Tana 1998 in seinem biographisch zentrierten Film La Déroute (1997) thematisiert.

Zitierte Titel:

Egloff, Birte/ Friebertshäuser/Weigand, Gabriele (2012): Interkulturelle Momente in Biografien: Spurensuche im Kontext des Deutsch-Französischen Jugendwerks. München, Waxmann (Dialoge/Dialogues. Schriftenreihe des Deutsch-Französischen Jugendwerks)

Franceschini, Rita (2001): Biographie und Interkulturalität. Diskurs und Lebenspraxis. Eingeleitet durch ein Interview mit Jacques Le Goff. Tübingen, Stauffenburg-Verlag.

Lüsebrink, Hans-Jürgen (2016): Interkulturelle Kommunikation. Interaktion, Fremdwahrnehmung, Kulturtransfer [1. Aufl. 2005]. Stuttgart, Metzler.

Maalof, Amin (1998/2000): Les Identités meutrières. Paris, Grasset, 1998. Deutsche Übersetzung: Mörderische Identitäten. Frankfurt/Main, Suhrkamp, 2000.

 

Christian Meyer (Universität Konstanz)

Kultur und Pragmatik - Der Beitrag der Konversationsanalyse zur Deutung von Kultur

Seit der Jahrtausendwende hat die Konversationsanalyse verstärkt die Universalität ihrer theoretischen Grundannahmen und empirischen Erkenntnisse reklamiert. Dies betrifft z.B. die Sprecherwechselorganisation, darunter die Prinzipien der Turnkonstruktion und der Turnallokation. In meinem Beitrag werde ich auf diese Behauptungen eingehen sowie neuere empirische Evidenzen zum Thema – darunter meine eigenen Forschungen über Interaktion und Kommunikation bei den Wolof Senegals – vor diesem Hintergrund diskutieren. Wie ich zeigen möchte, können Unterschiede in der konversationalen Organisation als Ressource für die Beschreibung von Kultur im weiteren Sinne genutzt werden.

 

Matthias Schulz (Universität Würzburg)

Kolonial intendierte Urbanonyme – sprachwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Ansätze im Kontrast

Mit Betextungen im öffentlichen Raum beschäftigen sich nicht nur Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler. Sprachliches Material auf Plakaten, in Form von Graffitis und auf Beschilderungen wird auch von Forscherinnen und Forschern aus Bereichen wie der Ethnologie, der Soziologie und der Geschichtswissenschaft erörtert. In Studien aus solchen Fachrichtungen wird dabei häufig auf eine kulturwissenschaftliche Ausrichtung hingewiesen.

Blickt man speziell auf das Namenmaterial im öffentlichen Raum, dann ist ein breites und deutlich über die Fragestellungen der traditionellen Namenforschung hinausreichendes Forschungsinteresse nicht nur innerhalb der Onomastik und weiterer sprachwissenschaftlicher Gebiete, sondern auch im Rahmen der anderen genannten Fächer erkennbar.

Für die Namen von Straßen, Plätzen und Gebäuden, die einen Bezug zum Kolonialismus und zur faktischen Kolonialzeit aufweisen, werden Fragen der Namenvergabe, der Namenkonstanz und der Namenumbenennung in den verschiedenen fachlichen Kontexten mit unterschiedlichen Erkenntnisinteressen und voneinander unterscheidbaren methodischen Zugriffen erörtert. Überraschend ist, dass die Arbeit in den einzelnen Fächern dabei bisweilen ohne größere Bezüge zu den Analysen der jeweils anderen Fächer erfolgt.

Im Vortrag soll die Erforschung kolonial intendierter Urbanonyme aus sprachwissenschaftlicher Sicht vorgestellt werden. Im Vergleich mit anderen Zugängen zum Thema sollen Übereinstimmungen und Unterschiede methodischer und analytischer Verfahren erörtert werden. Damit sind zugleich weitere Fragen aufgeworfen: Sind die sprachwissenschaftlichen Ansätze in diesem Forschungsbereich klar von kulturwissenschaftlichen abgrenzbar? Oder sind sprachwissenschaftliche Ansätze im genannten Bereich im Sinne einer 'Linguistik als Kulturwissenschaft' stets (auch) kulturwissenschaftlich? Inwiefern – und für wen – ist eine Zusammenschau unterschiedlicher Zugänge lohnend?

 

Jürgen Spitzmüller (Universität Wien)

Kultur als Kontext und Konstrukt diskursiver Praktiken

Die Frage, was ‚Kultur‘ ist, wird nicht nur in der Kulturwissenschaft kontrovers verhandelt, sondern auch in medialen Diskursen. Gleichzeitig jedoch ist ‚Kultur‘ (im Sinne eines kollektiven Wertesystems) auch ein Ankerpunkt solcher Diskurse, sie bietet Basis und Begründung für Bewertungen sozialer Handlungen und sozial Handelnder. ‚Kultur‘ ist somit zugleich Kontext und Konstrukt metapragmatischer Diskurse – ihre Existenz wird präsupponiert und vehement behauptet, obwohl andererseits stetiger diskursiver Aushandlung unterliegt, was als ‚Kultur‘ gilt. Dies macht das Konzept für die kulturwissenschaftliche Forschung gleichermaßen interessant wie problematisch. Wie etwa geht man mit dem Problem um, dass ‚Kultur‘ als deskriptiver Terminus gebraucht wird, zugleich aber ein hochgradig ambiges (und ideologisch geladenes) Ethnokonzept ist? Ist es ein Problem, dass sich die Beschreibung von Diskursen, wenn sie auf ‚Kultur‘ referiert, auf Kontinuitäten und Kategorien stützt, die Produkte jenes Diskurses sind, der beschrieben werden soll (so Foucault 1968)? Ist Kultur, um eine Frage Laclaus (1990) umzuformulieren, überhaupt ‚möglich‘ oder ist sie nur der Versuch einer „hegemonialen Fixation“ (ebd.: 91)? Ist aber umgekehrt ein Weltverständnis ohne Bezug auf Fixationen wie ‚Kultur‘ möglich?

Diese Fragen diskutiert der Vortrag. Er plädiert für einen reflexiven Begriff von ‚Kultur‘, der sowohl den prozeduralen Aspekt der Verhandlung des ‚Kulturellen‘ als auch ideologische Fixationen von ‚Kultur‘ berücksichtigt – und er plädiert für eine strikt selbstreflexive Kulturanalyse, die auch ihren eigenen Kulturbegriff nicht einfach als gegeben hinnimmt.

 

Literatur:

Foucault, Michel (1968): Sur l’archéologie du sciences. Réponse au Cercle d’épistémologie. In: Cahiers pur l’analyse 9: Généalogie de sciences, S. 9–40.
Laclau, Ernesto (1990): The Impossibility of Society. In: Ders.: New Reflections on the Revolution of Our Time. London: Verso, S. 89–93.

 

Nikola Vujčić (Universität Kragujevac)

Das Leistungspotenzial der Linguistischen Diskursanalyse bei der Kulturvermittlung im berufsorientierten DaF-Unterricht am Beispiel des Deutschen für Pflegekräfte

Dass Linguistik ebenfalls die Erforschung kultureigener Gesellschaftsphänomene umfasst und ihre Erkenntnisinteressen demnach auch kulturwissenschaftlich angelegt sind, ist mindestens seit etwa zwei Jahrzehnten kein Novum mehr (vgl. dazu u.a. Hermanns 1999; Auer 2000; Gardt 2003; Günther/Linke 2006; Kämper 2007; Linke 2011). Diese Publikationen verfolgen zum Teil unterschiedliche Ansätze und fokussieren jeweils einen anderen Schwerpunkt, jedoch haben sie alle eins gemeinsam: Sie räumen der Sprachwissenschaft kulturermittelndes Potenzial ein.

Das Ziel dieses Beitrags ist es zu zeigen, inwiefern die Linguistische Diskursanalyse mit ihrem Analyseinstrumentarium als angewandte Sprachwissenschaft betrachtet und zur Kulturdeutung im berufsorientierten DaF-Unterricht genutzt werden kann. Dabei bediene ich mich eines von Metten (2014: 430) vorgeschlagenen Kulturkonzepts, das Kultur als ein dynamisches Bedingungsgefüge von Artefakten und Phänomenen beschreibt, die sich zwischen Menschen ereignen und zwischen ihnen hervorgebracht werden. Dazu zählt nun auch die verbale Kommunikation.

Ich werde folglich versuchen, am Beispiel zweier Lehrwerke für den berufsorientierten Deutschunterricht (Deutsch für Pflegekräfte) zu veranschaulichen, dass sprachlich verankerte Kulturspezifika in musterhaftem Sprachgebrauch zu suchen sind und mittels diskurslinguistischer Methoden festgemacht und vermittelt werden können.

 

Literatur:

Auer, Peter (2000): Die Linguistik auf dem Weg zur Kulturwissenschaft? In: Freiburger Universitätsblätter 147, S. 55-68.

Gardt, Andreas (2003): Sprachwissenschaft als Kulturwissenschaft. In: Haß/König (Hg.): Literaturwissenschaft und Linguisitk von 1960 bis heute. Göttingen, S. 271-288.

Günther, Susanne / Linke, Angelika (2006): Einleitung: Linguistik und Kulturanalyse. Ansichten eines symbiotischen Verhältnisses. In: Zeitschrift für germanistische Linguistik 34, S. 1-27.

Hermanns, Fritz (1999): Sprache, Kultur und Identität. Refelxionen über drei Totalitätsbegriffe. In: Gardt/Haß-Zumkehr/Roelcke (Hg.): Sprachgeschichte als Kulturgeschichte. Berlin/New York, S. 351-391.

Kämper, Heidrun (2007): Linguistik als Kulturwissenschaft. Am Beispiel einer Geschichte des sprachlichen Umbruchs im 20. Jahrhundert. In: Kämper/Eichinger (Hg.): Sprachperspektiven. Germanistische Lingusitk und das Institut für Deutsche Sprache. Tübingen, S. 419-439.  

Linke, Angelika (2011): Signifikante Muster – Perspektiven einer kulturanalytischen Linguistik. In: Wåghäll Nivre et al. (Hg.): Begegnungen. Das VIII. Nordisch-Baltische Germanistentreffen in Sigtuna vom 11. bis zum 13.6.2009. Stockholm, S. 23-44.    

Metten, Thomas (2014): Kulturwissenschaftliche Linguistik: Entwurf einer Medientheorie der Verständigung. Berlin/Boston.

 

Martin Wengeler (Universität Trier)

„Zukunftsangst ist die eigentliche Leitkultur der Deutschen“. Diskurslinguistische Untersuchungen zur Konstruktion von Zukunftsangst und Misstrauen in den Medien

In einem Trierer Forschungsprojekt wird ein großes Korpus von Texten aus führenden Printmedien von 1970 bis heute daraufhin untersucht, zu welchen Zeiten bezüglich welcher thematischer Felder mit welchen wiederkehrenden oder innovativen sprachlichen Mitteln Zukunftsangst und Misstrauen konstruiert worden sind – von der „Ölkrise“ in den 1970er Jahren über Atombewaffnung, „Waldsterben“ und Aids in den 1980ern, Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit in den 1990er Jahren bis hin zur Terrorfurcht und zur sog. „Flüchtlingskrise“ in jüngerer Zeit. Während dabei der Fokus insbesondere auf Schlüsselwörtern, Phraseologismen und Metaphern liegt und das Korpus in einem ersten Schritt vor allem quantitativ ausgewertet werden soll, wird in einem zweiten Schritt der Flüchtlingsdiskurs der Jahre 2015 bis heute qualitativ, d.h. insbesondere mit dem Fokus auf Argumentationsmustern betrachtet. Untersucht wird, wie und in Bezug worauf genau seit der Ankunft einer großen Zahl von Flüchtlingen über die sog. Balkanroute in der Presse Misstrauen gegenüber den Ankommenden, aber auch gegenüber den politisch Handelnden aufgebaut worden ist und wie dadurch Zukunftsängste konstruiert wurden. Es soll aber auch ins Auge gefasst werden, wie medial komplementär dazu auch Vertrauen in die Neuankömmlinge und ihre mögliche Integration aufgebaut wurde und wie die Geflüchteten selbst Vertrauen in die Gesellschaft, von der sie aufgenommen werden, entwickeln. Genauer gesagt geht es in der diskurslinguistischen Analyse darum, wie Misstrauen und Zukunftsangst sowie Vertrauen und Zukunftshoffnungen für einzelne und für die Gesellschaft medial dargestellt oder überhaupt erst sprachlich hergestellt wurden. Der Vortrag wird sich auf erste Ergebnisse aus dieser gegenwartbezogenen Untersuchung zum Migrationsdiskurs konzentrieren.